Fernweh

Heimatkunde: Der Schwörmontag in Ulm

Nachdem ich euch aufgrund meiner Reisefreudigkeit schon oft von meinen Reisen berichtet habe, möchte ich heute einmal etwas über meine Heimat schreiben. Wie viele von euch sicher schon mitbekommen haben, stamme ich ursprünglich aus der schönen Stadt Ulm an der Donau. Und dort gibt es eine wundervolle Tradition, die ich all die letzten Jahre in Hamburg sehr vermisst habe. Dieses Jahr lies ich es mir daher nicht nehmen zu diesem Termin in die Heimat zu reisen. Die Rede ist von Schwörmontag und dem Schwörwochenende:

Schwörmontag: Der große Schwörbrief und die Tradition der Schwörrede

Der Schwörmontag wird alljährlich zur Feier des Großen Schwörbriefs von 1397 begangen und hat seinen Namen auch von diesem Dokument erhalten. Im 14. Jahrhundert tobte ein Streit zwischen den Patriziern und den Zünften um die Machtverhältnisse im Stadtparlament der damals Freien Reichsstadt Ulm. Allen Mitgliedern des Parlaments garantierte der Schwörbrief gleiches Stimmrecht und verpflichtete den Bürgermeister, jährlich Rechenschaft abzulegen. Die Tradition dieses Treueschwurs vom Schwörbalkon des Ulmer Schwörhauses wurde mit Unterbrechungen bis ins 19. Jahrhundert beibehalten und dann von den damaligen Herrschern abgeschafft.

Der derzeit noch amtierende Oberbürgermeister erläutert diese Tradition zu Beginn der Schwörrede in 2015 sehr schön:

 

Die Nationalsozialisten belebten diesen alten Brauch neu, um ihn für Propaganda-Zwecke zu nutzen und machten aus der Schwörrede eine Ansprache an die Bevölkerung, in der der Oberbürgermeister Rechenschaft über das vergangene Jahr ablegt und über die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Pläne für das nächste Jahr berichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg verzichtete der neue Oberbürgermeister Robert Scholl, Vater der in Ulm geborenen Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl, erneut auf diese Tradition. Doch schon sein Nachfolger Theodor Pfizer führte die Schwörrede 1949 wieder ein.

Nach der Schwörrede legt seitdem der Oberbürgermeister zum Klang der Schwörglocke im Ulmer Münster einen Eid auf den großen Schwörbrief ab: „Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in allen gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne allen Vorbehalt“.

Das Ulmer Schwörhaus am Schwörmontag 2015
Das Ulmer Schwörhaus am Schwörmontag 2015

Dieses Jahr war ich tatsächlich das erste Mal selbst zur Schwörrede am Schwörhaus anwesend. Früher hatte ich es wegen Schule und Studium irgendwie nie geschafft. Seit ich in Hamburg wohne, hatte ich mir aber regelmäßig die Live-Übertragung angesehen, da es als „Auswärtige“ tatsächlich sehr spannend ist eine Zusammenfassung des vergangenen Ulmer Jahres zu hören. Den Mitschnitt der Schwörrede 2015 findet ihr auf der Website des lokalen Online-Magazins Team-Ulm.

Dieses Jahr war zudem besonders bewegend: Der langjährige Oberbürgermeister Ivo Gönner leistete nach 24 Jahren das letzte Mal den Schwöreid, da er im nächsten Jahr aufgrund seines Alters nicht mehr für das Amt kandidieren wird. Für mich als „junger Bürger“ Ulms schon ein komisches Gefühl, da ich mich an keine Zeit erinnern kann, als ein anderer Oberbürgermeister in Ulm regiert hat. Mit ihm geht auf jeden Fall ein großer Sympathieträger der Ulmer Politik.

Natürlich musste ich diesen irgendwie doch sehr bewegenden Moment in einem Video festhalten:

 

Großer Umzug auf dem Wasser: Das Nabada auf der Donau

Eine weitere, inzwischen immer mehr an Bedeutung gewinnende Tradition am Schwörmontag ist das Nabada (Hochdeutsch: Hinunter baden). Eine Art „Karnevalsumzug“ auf der Donau.

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Neben offiziellen Themenbooten mit lokalen und politischen Themen (ähnlich der Wägen bei Karnevalsumzügen) gibt es auch Boote mit lokalen Musikvereinen, die den ganzen Spaß musikalisch untermalen, sowie die sogenannten freien / wilden Nabader. Diese schwimmen einfach mit Booten oder selbst gebauten Flößen mit die Donau hinunter.

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In den letzten Jahren hat die Zahl der freien Nabader stark zugenommen und das Nabada wird immer mehr zur Party auf dem Wasser. Steht man als Zuschauer in der ersten Reihe wird man unter Garantie von Kopf bis Fuß nass gemacht. Auf jeden Fall ein großer Spaß!

Noch besser als Fotos zeigen nur Videos, was sich beim Nabada auf der Donau abspielt:

 

Ich sehe das Ganze allerdings ein wenig zwiegespalten, da ich es zwar gut finde, dass diese Tradition immer mehr angenommen wird, sehe aber auch, dass diese schöne Veranstaltung immer mehr zu einer Sauf-Party ausartet, die zudem auf dem Wasser auch noch sehr gefährlich sein kann, wenn man etwas zu viel über den Durst getrunken hat.

Wir feiern unsere Stadt: Die Hockete am Schwörmontag

Traditionsgemäß findet nach dem Nabada der feucht-fröhliche Tagesausklang des Schwörmontags statt. Die „Hockete“ (Hochdeutsch: gemütliches Beisammensitzen) findet traditionell unter freiem Himmel in der Ulmer Friedrichsau statt. In den zahlreichen Biergärten und extra dafür aufgebauten Ausschänken kann man bis spät in die Nacht auf den besten aller Ulmer Feiertage anstoßen.

Inzwischen verlegen sich die Feierlichkeiten aber auch immer mehr in das Stadtzentrum – die Innenstadt und das historische Fischerviertel. Neben einigen öffentlichen Veranstaltungen mit Live-Musik und Party bieten auch die meisten Bars und Kneipen genügend Getränke und Unterhaltung an diesem besonderen Tag.

Alles in allem kann man sagen, dass der Abend des Schwörmontags eine riesige Party ist, bei der man durch die ganze Stadt ziehen und immer wieder neue Bars und Musik entdecken kann. Muss man auf jeden Fall erlebt haben!

Romantik am Schwörwochenende: Die Lichterserenade

Bereits vor Schwörmontag ist Ulm schon am vorangehenden Wochenende (dem Schwörwochenende) in Feierlaune und zelebriert diesen besonderen Tag im Jahr ausgiebig (unter anderem auch mit einem Volksfest).

Besonders schön finde ich persönlich die jüngste Tradition der Lichterserenade am Samstag Abend nach Sonnenuntergang (ca. 22 Uhr). Von Ulmer Schachteln (traditionellen Ulmer Booten) aus werden auf Höhe des Fischerplatzes tausende schwimmende Windlichter auf die Donau gesetzt, die dann als buntes Lichtermeer die Donau hinab treiben. Untermalt wird das Ganze von Musik und Feuerwerk. Wer Romantik mag, wird diese Veranstaltung lieben.

 

Schwörmontag gehört zu Ulmern, wie das Ulmer Münster zu Ulm

Wie bereits eingangs erwähnt war es für mich einfach großartig nach 4 Jahren in Hamburg ohne Schwörmontag wieder in der Heimat zu sein. Als Ulmer gehört dieser Tag für mich in den Kalender wie Ostern und Weihnachten. Und ich kenne viele „Exil-Ulmer“, denen es genauso geht. Die Chancen alte Kommilitonen und Schulfreunde zu treffen sind also rund um den Schwörmontag in Ulm besonders hoch, da es zu dieser Zeit im Jahr viele wieder nach Hause zieht. Einfach schön <3

Ich hoffe, dass euch dieser kleine Einblick in meine Heimat Ulm gefallen hat. Auch wenn ich nicht mehr in Ulm wohne, liebe ich doch meine Heimat und ihre Traditionen und hoffe euch diese damit ein wenig näher gebracht zu haben 🙂

 

4 Comments

  • stk

    Ergaenzung zu Pfizer: Der war waehrend der NS-Zeit ab 1942 Oberreichsbahnrat und ist auch gerne in Uniform aufgetreten – in der Uniform der Reichsbahn, die unsere Mitbuerger_innen unter seiner Aufsicht von Stuttgart aus in Viehwagen in die KZ Theresienstadt und Auschwitz gefahren hat. Noch ’44 hatte er fuer den Einsatz fuer den „Endsieg“ geworben, und unter seiner Aufsicht standen Zwangsarbeiterlager in Ulm, Bietigheim und Plochingen. (Quelle u.A. hier)

    Ich hatte vor einigen Jahren mal im Stadtarchiv der Schwoerrede hinterherrecherchiert und war „leicht“ irritiert ueber diesen Hintergrund – wenn nach der Besetzung durch die Bayern bzw. Wuerttemberger erst die Nazis den Brauch wiederbeleben, danach ein gestandener Antifaschist ihn nicht weiterfuehren moechte und ihn danach jemand weiterfuehrt, den man ohne Zweifel als NS-belastet bezeichnen kann… macht’s einem das schon madig :/

    • rassambla

      Oh. Das ist natürlich interessant. Danke für den Nachtrag. So genau hatte ich da tatsächlich nicht recherchiert. Da der Schwörmontag aber an sich eine längere Tradition, als der Nationalsozialismus hat, ist das zwar irgendwie traurig, aber dennoch kein Grund den Tag kritisch zu sehen. So finde ich zumindest.

  • Tata

    Bitte um Reflektion: Hashtags Alphamädchen verwenden, sich selbst aber als Bürger bezeichnen und permanent nur generisches Maskulinum verwenden- not my cup of coffee, aber wie passt das zu Ihrer Selbstpräsentation

    • rassambla

      Hallo Tata,

      ich identifiziere mich nicht mit Feminismus und bin auch fernab von hochpolitischen Themen (was man meinem Blog sicher auch anmerkt).

      Den Begriff Alphamädchen sehen ich und meine Freundinnen, mit denen ich mich derzeit auf Twitter austausche und was Sie zweifelsohne gesehen haben, im Sinne der selbstbewussten, selbstbestimmten Frau, der alle Chancen offen stehen. Was für mich aber nicht im Umkehrschluss bedeutetet, dass ich deshalb nicht das generische Maskulinum in meinen Blog-Beiträgen verwenden kann. Das steht für mich nicht im Wiederspruch.

      Danke aber für die Anregung zur Selbstreflektion 🙂

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