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Mein Sternenkind,  New

Trauer in Zeiten von Corona

Es ist schon wieder Mitte April. Mein letzter Post ist schon über einen Monat her und ich wollte euch eigentlich schon lange von Freyas Geburt berichten. Aber bisher konnte ich mich nicht dazu aufraffen. Zu schwer fällt es mir aktuell mich konzentriert für längere Zeit an einen Text zu setzen. Zurzeit passiert so viel und gleichzeitig nichts. Die Corona-Pandemie legt das Leben lahm und so natürlich auch meins. Heute möchte ich euch ein wenig dazu erzählen, wie es mir in der Trauer mit der aktuellen Situation so geht.

Es ist irgendwie surreal. Die aktuellen Einschränkungen des Lebens machen die Trauer schwerer und gleichzeitig einfacher. Es ist schon wieder über 3 Monate her, dass wir Freya in unseren Armen halten durften und einen Monat davon halten uns die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus von einem normalen Leben fern.

Das Leben ist nicht nur für uns auf Pause

Zunächst einmal zu den positiven Aspekten: Ich muss gestehen, dass die Corona-Isolation für mich auch etwas Tröstendes hat. Nach Freyas Tod lebten wir quasi in selbst gewählter Isolation. Wir haben uns vereinzelt mit Freunden und Familie getroffen, aber im Großen und Ganzen lebten wir schon vorher so, wie jetzt viele von uns: Wir waren einfach zuhause. Das lag unter anderem auch am Wochenbett, das man als Sternenmutter trotzdem hat. Der Körper muss sich von den Strapazen der Geburt erholen – auch wenn man kein Baby im Arm halten darf.

In der Trauer hatte ich oft das Gefühl, dass unser Leben stehen bleibt. Die Welt blieb für uns stehen und es ging nicht weiter. Gleichzeitig dreht sich die Welt außerhalb unserer vier Wände aber natürlich weiter und alle anderen um uns herum leben ihr Leben wie zuvor. Ich fragte mich selbst, wann ich wieder bereit dafür wäre ins „normale Leben“ wieder einzusteigen. Und dann kam Corona und ein normales Leben gibt es nicht mehr. Für alle ist das Leben eingeschränkt. Isolation und verlangsamtes Leben gelten jetzt irgendwie für viele. Für andere ist es dagegen eine besonders stressige Zeit, weil sie in systemrelevanten Berufen arbeiten, oder mit Arbeit und Kindern zuhause sind. In jedem Fall ist es eine Ausnahmesituation.

Für uns ist es tröstlich zu wissen, dass das Leben nicht nur für uns aus den Fugen geraten ist. Auch wenn es für uns nochmal anders ist. Während andere sich langweilen und nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen, oder zuhause gar nicht mehr wissen wo ihnen der Kopf steht, weil sie Arbeit und Familie unter einen Hut bekommen müssen, leben wir weiterhin im Schneckentempo. Alles dauert länger und ist anstrengend. Allein die Entscheidung was wir zum Abendessen kochen wollen, ist für uns Tag für Tag ein Kraftakt. Wir haben einfach keinen wirklichen Appetit oder Heißhunger, aber wissen natürlich, dass wir essen müssen.

Ablenkung und positive Erlebnisse fehlen

Gleichzeitig ist es aber nicht nur gut, dass das Leben auch für uns langsamer verläuft. Mit Freunden essen gehen, Familie besuchen oder einfach mal shoppen gehen – all diese Dinge sind natürlich auch für uns nicht drin. Dabei könnten wir ein wenig Ablenkung und Nähe von Menschen gut gebrauchen. Wir sind sehr allein in unserer Trauer und ohne Ablenkung, denkt man deutlich mehr nach und verstrickt sich in seinen eigenen Gedanken.

Eigentlich wollten wir im April für drei Wochen „flüchten“. Urlaub machen. Raus und auf andere Gedanken kommen. Neues sehen. Geplant waren drei Wochen an der Ostküste der USA. Eigentlich eine richtig geile Reise. Natürlich ist es auch unfassbar schade, dass das ins Wasser gefallen ist. Wobei es mir weniger um die Reise und die Entfernung selbst geht, sondern mehr um die Ablenkung und die neuen Eindrücke.

Unsere Trauer in Zeiten von #wirbleibenzuhause

Wir bleiben zuhause. Die Couch ist unser bester Freund und der Fernseher das liebste Mittel der Wahl, um den Kopf auf andere Gedanken zu bringen. Zu schnell fängt dieser wieder an sich in Gedanken zu verstricken und Kreise zu drehen. Warum wir? Warum ist das passiert? Hätten wir etwas ändern können? Tausend Fragen, auf die wir niemals eine Antwort bekommen werden. Trotzdem sucht der Kopf nach einer Antwort.

Ich fahre fast jeden zweiten Tag auf den Friedhof. Besuche unsere Freya, sorge dafür, dass immer eine Kerze auf ihrem Grab brennt und die Blumen gepflegt sind und blühen. Sie soll es schön haben. Ansonsten versuchen wir einmal die Woche raus zu kommen in die Natur. So langsam werde ich wieder ein bisschen fitter und kleine Radtouren oder Spaziergänge auf Wanderwegen sind wieder möglich. Ich bin auch unendlich froh, dass es bei uns eine Kontaktsperre und keine Ausgangssperre gibt. Wenn ich nicht mehr auf den Friedhof dürfte, wäre das das Schlimmste für mich.

Ansonsten versuche ich regelmäßig meine Übungen für die Rückbildungsgymnastik zu machen. Ich topfe Pflanzen um und kümmere mich um die Pflanzen auf dem Balkon. Ich miste den Kleiderschrank aus. Neben der Tatsache, dass mir viele meiner alten Kleidungsstücke aktuelle schlicht und einfach nicht mehr von der Kleidergröße passen, passen manche auch einfach nicht mehr vom Stil zu mir. Ich habe einfach das Gefühl eine andere geworden zu sein. Nicht mehr die zu sein, die noch vor ein bis drei Jahren diese Kleidung gekauft hat.

Zurück zu Normal?

Normal gibt es nicht mehr. Auch wenn die Einschränkungen durch die Pandemie irgendwann der Geschichte angehören und für andere das Leben wieder den gewohnten Gang geht: Das Leben, das wir vorher hatten, gibt es nicht mehr. Wir werden weiterleben. Wir werden hoffentlich auch irgendwann wieder glücklicher sein. Wir werden irgendwann hoffentlich wieder mehr Tatendrang besitzen. Trotzdem werden wir nie wieder die Menschen sein, die wir vorher waren. Wir sind jetzt Eltern.

Titelbild: by Karim MANJRA on Unsplash

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